Nicole L’HuillierMembrana
Wir sind ganz Ohr. Eine gute Beziehung beginnt, dass man einander zuhört, wahrnimmt, was bereits da ist, bevor man antwortet. Doch Zuhören ist niemals passiv. Zuhören bedeutet, sich berühren und beeinflussen zu lassen – und so das, was einen umgibt, zu beeinflussen. Was wäre, wenn ein Theater auf diese Weise zuhören würde?
Diesen Herbst bringt die in Berlin lebende chilenische Künstlerin Nicole L’Huillier das Gorki zum Hören. Für den Palais am Festungsgraben entwickelt sie Membrana: eine monumentale Membranskulptur. Eine große, transluzente, halbtransparente Fläche legt sich wie eine zweite Haut über die Fassade. Das Gebäude ist nicht länger nur eine Hülle, in der etwas geschieht; es wird selbst zum aktiven Teil des Geschehens. Architektur wird zum Resonanzkörper, ihre Fassade zum riesigen Trommelfell.
Membrana ist aus L’Huilliers langjähriger künstlerischer Forschung hervorgegangen. Als ausgebildete Architektin versteht sie Raum nicht als etwas Feststehendes, sondern als ein Beziehungsfeld, in dem Körper, Materialien, Energien und Geschichten einander fortwährend beeinflussen. In ihrer Arbeit sind Membranen bereits als Ohren, Fahnen, Soundsysteme, Instrumente und beinahe lebendige Wesen aufgetaucht. Sie bilden ein materielles und zugleich konzeptionelles Instrumentarium, mit dem L’Huillier untersucht, wie sich Klang bewegt, wie Begegnungen entstehen und wie scheinbar voneinander getrennte Welten miteinander verwoben werden können.
Für L’Huillier ist eine Membran keine starre Wand. Sie ist eine schwingende Grenze, die zugleich empfängt und überträgt. Ohne Empfangen gibt es kein Senden, ohne Ruf keine Antwort. Im Palais wird diese membranartige Logik auf die Dimension der Architektur ausgeweitet. Das Grundrauschen der Straße, vorbeiziehende Stimmen und die Bewegungen der Stadt treffen auf die Skulptur und werden in klangliche Schwingungen übersetzt. Gegenwärtige Geräusche vermischen sich mit den Echos und Erinnerungen, die bereits im Gebäude eingeschrieben sind. Innen und Außen, Straße und Theater, Stadt und Institution, Vergangenheit und Gegenwart werden Teil eines gemeinsamen Resonanzsystems.
Wer am Palais vorbeikommt, kann die Arbeit sehen, hören und spüren. Membrana bildet Offenheit jedoch nicht einfach ab und ist auch nicht dazu gedacht, etwas zu verbergen, zu schützen oder abzugrenzen. Sie wird zum konzeptionellen Störmoment: zu einer sanften, aber beharrlichen Einladung, die vertrauten Grenzen, Rituale und Setzungen institutionellen Handelns neu zu denken. Was würde es bedeuten, wenn ein Theater sich nicht nur an die Stadt richtet, sondern sie auch empfängt – und sich von dem verändern lässt, was es hört?
Während der frei zugänglichen Öffnungszeiten wird die Skulptur durch eine eigens für sie entwickelte Performance der Choreografin Constanza Macras aktiviert. Tänzer:innen der Compagnie Dorky Park begegnen Membrana nicht als Bühnenbild, sondern als Partnerin und Protagonistin. Sie reagieren auf ihre Bewegungen, Schwingungen und Klänge, während ihre eigenen Körper Teil der Komposition werden. Die Skulptur hört und antwortet; die Performer:innen senden und empfangen; die Besucher:innen werden Teil desselben Systems aus Rufen, Echos und Rückkopplungen.
In dieser Begegnung beginnt sich die Unterscheidung zwischen Kunstwerk, Architektur, Performer:innen und Publikum zu verschieben. Membrana wird zu mehr als Kunst am Bau: Die Arbeit öffnet eine durchlässige Schnittstelle zwischen Theater und Stadt, zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Körpern und zwischen sichtbaren und unsichtbaren Formen von Präsenz. Das Theater hört mit seinem ganzen Körper.